Was Forschung zu KI-Lernen zeigt – und was das für Weiterbildung bedeuten kann
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Der Einsatz von KI hat zahlreiche neue Lernforschungen initiiert. Sie zeigen: Für wirksames Lernen geht es nicht nur um einzelne Tools, sondern vor allem um gute didaktische Konzepte.

Grafik: KI-generiert von CONEDU mit Chat-GPT - Promptdialog
Im Zuge einer Strategieberatung für einen beruflichen Weiterbildungsanbieter hat sich Wilfried Frei zuletzt intensiv mit den neuesten Forschungsergebnissen über den Einsatz von KI im Lerngeschehen befasst. Dabei zeigte sich: Viele Befunde bestätigen bekannte Lerntheorien. Sie offenbaren aber auch, wie oft aktuelle Angebote (auch ohne KI) nicht dem Fachwissen entsprachen. Entscheidend ist demnach weniger, ob KI eingesetzt wird, sondern wie Lernprozesse didaktisch gestaltet und programmatisch gerahmt sind, damit aus digitaler Unterstützung durch KI-Tools tatsächlich relevante Lernprozesse entstehen.
“Alter Wein in neuen Schläuchen” sagen manche zurecht. Wir sagen: mit KI entsteht eine Fülle neuer Möglichkeiten, Lernen wirksamer zu gestalten. Wollen wir die nicht nutzen?
Hier eine auf dieser aktuellen Fachlektüre über Lernevidenz basierende Zwischenbilanz für die Erwachsenen- und berufliche Weiterbildung. Wir wollen uns dabei zwei Ebenen ansehen: die mikrodidaktische Gestaltung konkreter Lehr-Lernsettings und die strategische Programmplanung von Bildungsanbietern.
KI macht vieles effizienter, aber nicht immer alles besser
Ein wiederkehrender Befund aus Metaanalysen und Reviews des letzten Jahres lautet, dass KI-gestützte Lernumgebungen vor allem Prozessmerkmale des Lernens verbessern: Selbststeuerung, Übung, Feedback und Monitoring. Mit KI an der Seite fällt das Dranbleiben leichter, Wissen kann rasch und lernmethodisch sinnvoll wiederholt werden, und Schwächen in der Selbstorganisation werden ausgeglichen. Deutlich schwächer und ungleichmäßiger fallen die Effekte dort aus, wo es um langfristige Kompetenzentwicklung, Transfer oder reflektierte Urteilsbildung geht. Derzeit noch.
Ähnlich differenziert sind die Ergebnisse beim KI-gestützten Feedback. Aktuelle Überblicksarbeiten berichten mittlere Effekte von generiertem Feedback auf die Lernergebnisse, teils aber hohe Effekte auf Motivation, Selbstwirksamkeit und die Kontinuität von Lernaktivitäten. Von KI erzeugtes Feedback kann also Lernprozesse verdichten und Lehrende entlasten, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit, dass Lernende selbst denken, prüfen, verwerfen und Ergebnisse produzieren. Das würde den Drang zum “Lernen auf Bestehen” mittels KI fördern, was dem Kompetenzerwerb - auch schon bisher - wenig zuträglich ist.
Die zentrale didaktische Pointe lautet also: KI macht Lernen nicht automatisch besser. Sie macht bestimmte Formen des Lernens effizienter, sichtbarer und anschlussfähiger, sofern Lernsettings so gestaltet sind, dass Unterstützung nicht mit Delegation von Denken verwechselt wird.
KI nützt, wenn das Denken bei den Lernenden bleibt
Lernen kann nicht linear vermittelt werden. Davon geht zum Beispiel ein systemisch-konstruktivistisches Verständnis von Erwachsenenbildung, wie es unter anderem Rolf Arnold und Horst Siebert vertreten. Lernen ist demnach vielmehr ein selbstorganisierter Konstruktionsprozess, der auf Deutung, Erfahrung, Kommunikation und Anschlussfähigkeit beruht. Dieser Prozess wird durch begleitende Interventionen genährt, und KI hebt die Möglichkeiten hier auf ein neues Niveau.
Für die Didaktik bedeutet das: Lehrende erzeugen Lernen nicht direkt, sondern gestalten Bedingungen, unter denen Lernende eigene Bedeutungen bilden, Irritationen produktiv verarbeiten und neues Wissen in ihre Handlungspraxis integrieren können. Genau an diesem Punkt lässt sich der KI-Einsatz sinnvoll verorten.
KI ist didaktisch vor allem dann hilfreich, wenn sie Lernende beim Strukturieren, Üben, Rückmelden und Reflektieren unterstützt, ohne ihnen die Auseinandersetzung mit Mehrdeutigkeit, Fehlern und Unsicherheit abzunehmen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht primär, welche Tools verwendet werden. Wichtiger ist, in welchen Arrangements KI dazu beiträgt, dass Erwachsene selbsttätig lernen, Transfer leisten und tragfähige Deutungen des Gelernten für ihre berufliche Praxis entwickeln. Lernende, die ein hohes Maß an Routinetätigkeiten an KI auslagern (“Offloading” genannt) und gleichzeitig die Technologie als Sparringspartner für Dialog, Fragen und Übung nutzen, profitieren am meisten für ihr Lernen. Sie werden in ihrem Kompetenzerwerb auch weniger von KI abhängig sein als Personen, die eine KI Lernaufgaben erledigen lassen und den lernförderlichen Denkvorgang somit delegieren, ohne selbst messbar zu lernen. Sie verbleiben im “Krückenmodus”.
Um KI systematisch nutzen zu können, gehören Assistenzsysteme zur Grundausstattung. Wir zeigen Ihnen, wie Sie selbst mit einfachen Mitteln entwickeln können!
KI: Ja als Übungs- und Sparringpartner, nein für komplexe Urteilsbildung
Auf der Ebene konkreter Lehr-Lernsettings lässt eignet sich KI nach aktuellen Forschungsergebnissen besonders gut für
adaptives Üben, bei dem KI Aufgaben stellt und personalisiert weitere anbietet
niedrigschwelliges Feedback bei klarem Wissensbestand – im Gegensatz zu hochschwelligem Feedback, das in der Verantwortung von Lehrpersonen verbleiben sollte
formative Diagnostik, also das Feststellen on deklarativem Wissen im Lernprozess
dialogische “Scaffolds”, mit KI als Gesprächspartner im Lernen (statt als Wissensvermittler und Aufgabenlöser)
Reflexionsanlässe in frühen und mittleren Phasen eines Lernprozesses – sie steuern u.a. der zunehmenden Abhängigkeit von den digitalen Tools entgegen.
Lernwirksam ist eine KI die Lernende unterstützt, ihren Lernstand besser einzuschätzen, häufiger als bisher Rückmeldung zu erhalten, Aufgaben in passender Schwierigkeit zu bearbeiten, Denkwege zu vergleichen und Reflexion zu strukturieren oder Worte dafür zu finden.
Weniger geeignet ist KI dort, wo komplexe Urteilsbildung, situativer Transfer, ethische Abwägung oder bewertete Leistungen im Zentrum stehen, für die besser Menschen die Verantwortung behalten. Genau hier bleiben professionelle Rückmeldung, menschliche Resonanz und bewusst gesetzte Phasen ohne KI-Unterstützung didaktisch unverzichtbar.
Für Trainer*innen bedeutet das keine Entwertung ihrer Rolle, sondern im Gegenteil eine Präzisierung ihrer Professionalität. Mikrodidaktische Kompetenz zeigt sich künftig noch stärker darin, entscheiden zu können, wann KI Lernprozesse sinnvoll stützt, wann sie nur als Impulsgeberin dient und wann sie bewusst außen vor bleiben sollte.
Bildungsanbieter setzen besser auf Lernarchitekturen als auf Einzel-Kurse
Auf der Ebene der strategischen Programmplanung wird eine zweite Verschiebung sichtbar. Die Forschung spricht eher für längere, didaktisch verbundene Lernpfade als für isolierte Einzelveranstaltungen, wenn nachhaltiger Kompetenzaufbau, Transfer und verändertes Handeln erreicht werden sollen.
Für Bildungsanbieter ist das mehr als eine methodische Detailfrage. Es betrifft die Grundlogik ihres Angebotsportfolios: Statt nur einzelne Seminare oder Kurse zu planen, rückt die Gestaltung von Lernarchitekturen in den Vordergrund, die Diagnostik, Input, Übung, Begleitung, Reflexion und Transfer systematisch miteinander verbinden. Wie das zu den bestehenden Geschäftsmodellen passt, wird noch zu beantworten sein - die Forschung zeigt schon jetzt an zahlreichen Beispielen, wohin die Reise gehen kann, wenn Kontext und Mittel es erlauben.
Solche Lernarchitekturen können zum Beispiel aus vier Elementen bestehen:
einer diagnostischen Einstiegsphase, in der Vorwissen, Bedarfe und Lernziele geklärt werden,
einer angeleiteten Lernphase mit Input, Übung und Feedback,
einer begleiteten Zwischenphase mit Micro-Learning, Transferaufgaben oder Peer-Austausch,
einer Auswertungs- und Reflexionsphase, in der Erfahrungen konsolidiert und in berufliche Handlungskontexte übersetzt werden.
KI kann diese Lernarchitekturen unterstützen, etwa durch adaptive Aufgabenformate, Erinnerungslogiken, Feedbackschleifen oder lernstandsbezogene Hinweise - nachweislich mit hoher Wirkung. Die programmplanerische Verantwortung bleibt jedoch bei Bildungsanbietern: Sie müssen Dramaturgie, Passung, Zielklarheit und Transferlogik ihrer Angebote bewusst entwerfen.
Fünf Konsequenzen für Bildungsanbieter
Aus der Zusammenschau von Forschung und Praxiserfahrung ergeben sich mehrere Konsequenzen für die berufliche Weiterbildung.
Erstens: Kurse bleiben wichtig, genügen aber für sich genommen immer seltener. Sie sollten in größere Lernpfade eingebettet werden, die Vor- und Nachbereitungsphasen sowie Transferanlässe einschließen.
Zweitens: KI lohnt sich didaktisch dann, wenn Formate neu gedacht werden. Wer KI lediglich an bestehende Seminarlogiken anhängt, gewinnt oft zwar Effizienz, aber nicht automatisch bessere Lernwirksamkeit.
Drittens: AI Literacy ist für Lehrende und Lernende zu einer grundlegenden Kompetenz geworden. Dazu gehört, KI-Nutzung einschätzen, prüfen, rahmen und gegebenenfalls ablehnen zu können.
Viertens: Feedback-Arbeit verändert sich, verschwindet aber nicht. Wenn KI einfache Rückmeldungen übernimmt, entsteht mehr Raum für menschliche Rückmeldung bei komplexen, identitätsnahen und transferrelevanten Lernleistungen.
Fünftens: Eine konstruktivistisch informierte Lernkultur muss Unsicherheit nicht reduzieren, sondern produktiv machen. Gerade weil KI dazu verleiten kann, schnelle Antworten an die Stelle von Suchbewegungen zu setzen, braucht gute Weiterbildung Aufgaben, in denen Ambiguität, Perspektivenwechsel und eigenes Urteilen ausdrücklich gefordert sind.
Nicht die Tools, sondern das Konzept entscheidet
Für die Erwachsenen- und berufliche Weiterbildung ergibt sich daraus kein einfacher Technikauftrag, sondern ein Gestaltungsauftrag. Die entscheidende Herausforderung besteht darin, KI weder euphorisch zu überschätzen noch defensiv zu marginalisieren, sondern sie in tragfähige didaktische und programmplanerische Konzepte einzubetten.
Die aktuelle Forschung bestätigt damit in weiten Teilen das, was sich bei CONEDU in der Entwicklung von Weiterbildungsformaten bereits praktisch abzeichnet: Die Zukunft liegt nicht in einzelnen KI-Tools, sondern in einer durchdachten Verbindung von Didaktik, professioneller Lehrkompetenz und strategischer Lernarchitektur.
Unsere aktuellen und kommenden Weiterbildungen bieten Gelegenheit, sich mit diesen Aspekten auseinanderzusetzen. Kontaktieren Sie uns auch gerne, wenn wir unsere Expertise in Ihre strategische Programmentwicklung einbringen können.
Interesse an den Quellen? Fragen Sie nach: wilfried.frei@conedu.com!



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