top of page

Wenn der KI-Chatbot zum besten Freund wird

vor 2 Tagen
8 Min. Lesezeit
KI-Nutzung kann die emotionale Gesundheit stärken. Sie kann aber auch abhängig machen, soziale Kompetenzen schwächen und Einsamkeit fördern. Was Forschung dazu sagt – und was das für die Bildungsarbeit bedeutet.

Im Gespräch mit einer KI (Bild: erstellt mit ChatGPT)
Im Gespräch mit einer KI (Bild: erstellt mit ChatGPT)

Das Wichtigste in Kürze


  • Kurzfristig tröstlich, langfristig problematisch: KI-Chatbots können Einsamkeit kurzfristig lindern, bei intensiver Nutzung aber verstärken und soziale Kompetenzen schwächen.

  • Erwachsenen- und Weiterbildung als Gegenraum: Erwachsenen- und Weiterbildung bieten genau das, was Chatbots nicht können – echte Begegnung, Widerspruch und Aushandlung.

  • Aufsuchend statt abwartend: Bildungsarbeit muss dorthin gehen, wo Menschen sind – gerade bei KI-Grundbildung.



„In letzter Zeit habe ich oft mit einem KI-Chatbot gesprochen und manchmal auch einen KI-Freund ausprobiert, nur um mich weniger einsam zu fühlen. Es ist keine perfekte Lösung, aber diese KI-Begleiter machen die Nächte ein wenig erträglicher, wenn es niemanden gibt, mit dem man reden kann.“ So beschreibt ein Reddit-User seine Kontakte mit KI-Chatbots. Aussagen wie diese finden sich immer wieder in diversen Foren.


Im Jahr 2024 nutzten in den USA bereits gut 20 Millionen Menschen sogenannte AI-Companion-Systeme – eine Verdopplung innerhalb eines Jahres. Bekanntestes Beispiel für so ein AI-Companion-System ist Replika, ein personalisierter Chatbot mit anpassbarem Avatar, der freundschaftliche bis romantische Bindungen aufbauen soll. Doch auch ganz ohne Companion-System finden immer mehr Gespräche mit ChatGPT und Co statt. So erhob die Elon University Survey, dass rund 27 % der US-Erwachsenen Chatbots für persönliche, emotionale oder soziale Anliegen nutzen. Eine Erhebung für Deutschland zeigt, dass 26 % der Nutzer*innen KI als digitale Bezugsperson empfinden – unter den unter 30-Jährigen sagt dies sogar ein Drittel. In Österreich ist man laut einer Gallup-Umfrage noch etwas skeptischer, aber immerhin 11 % würden eine Freundschaft mit einer KI begrüßen. Und rund 30 % geben an, dass sie sich von der KI manchmal besser verstanden fühlen als von Menschen. Bei Jüngeren bis 30 Jahre sind das sogar 43 %.


Aber was ist nun davon zu halten? Kann KI gegen Einsamkeit helfen und wo liegen die Gefahren?

Einsamkeit macht krank und anfällig für Autoritarismus


Einsamkeit ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern längst auch gesellschaftlich relevant: Einsamkeit wirkt sich negativ auf körperliche und psychische Gesundheit aus, und erhöht das Risiko, vorzeitig zu sterben, um 14 % - wie etwa eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 für ältere Erwachsene zeigte.

Zudem konnte schon die Philosophin Hannah Arendt (1951) zeigen, dass empfundene Einsamkeit den Menschen anfällig werden lässt für politische Bewegungen, die ihren Anhänger*innen Gemeinschaft und Zugehörigkeit durch Ausgrenzung versprechen, und damit Autoritarismus und Totalitarismus den Boden bereiten (zuletzt gelesen bei Judith Kohlenberger).

Die Zunahme von Einsamkeit hat also neben einer gesundheitlichen und sozialen auch eine politische Dimension.


Einsamkeit ist kein Einzelfall


Die erste EU-weite Einsamkeitsstudie des Joint Research Centre der Europäischen Kommission (2022/2024) fand, dass im Durchschnitt 13 % der Befragten in der EU sich die meiste oder gesamte Zeit einsam fühlen. Für Österreich liefert eine Studie der Statistik Austria ebenfalls beunruhigende Zahlen: Rund 28 % der Bevölkerung zwischen 18 und 74 Jahren gaben im zweiten Quartal 2025 an, sich in den vergangenen vier Wochen zumindest gelegentlich einsam gefühlt zu haben. Rund 8 %, also weit über eine halbe Million Menschen, fühlten sich „immer" oder „meistens" einsam.


Tatsächlich fühlen sich Personen aus allen Altersgruppen einsam: Eine EU-weite Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2024 zeigt etwa, dass sich rund 57 % der jungen Europäer*innen zwischen 18 und 35 Jahren einsam fühlen – davon 17 % sogar sehr. In Österreich berichten in der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen 12 %, sich „immer" oder „meistens" einsam zu fühlen.


Einsamkeit betrifft also einen erheblichen Teil der Bevölkerung; und sie konzentriert sich keineswegs ausschließlich auf ältere Menschen. Sie ist daher als gesamtgesellschaftliche Herausforderung zu verstehen, die Prävention, soziale Teilhabe und niedrigschwellige Unterstützungsangebote über alle Altersgruppen hinweg erfordert.


KI bietet emotionale Unterstützung auf Abruf


Vor diesem Hintergrund wird auch Künstliche Intelligenz zunehmend als mögliche Lösung gegen Einsamkeit thematisiert. Und zunächst scheint dies auch ein gangbarer Weg zu sein: Denn KI-Chatbots können die mentale und emotionale Gesundheit der Nutzenden stärken. Als Grund dafür nennen Nutzer*innen selbst etwa, dass KI-Chatbots permanent verfügbar sind und als Gesprächspartner nicht urteilen. Sycophanie, also die Neigung vieler KI-Chatbots, der Nutzerin oder dem Nutzer recht zu geben und gefällig zu antworten, tut das ihre dazu.


Eine Serie kontrollierter experimenteller Studien der Harvard Business School fand heraus, dass KI-Companions momentane Gefühle von Einsamkeit lindern können - zumindest für einen Tag, oder eine Woche.


Darüber hinaus werden KI-Chatbots (wie Woebot oder Wysa) mittlerweile auch in der psychologischen Betreuung eingesetzt. Die KI-Anwendungen sollen den Zugang zu therapeutischen Angeboten erleichtern. In Ländern mit knappen Therapieangeboten wie Japan wird KI diesbezüglich bereits als ergänzende Ressource getestet.


Die Stadt Hachioji in West-Tokio testete Anfang 2025 ein Chatbot-System namens HachiKoko, eingesetzt an 13 städtischen Beratungsstellen.

Wer wollte, konnte dabei anonym über Themen wie Mobbing, mentale Gesundheit oder Einsamkeit sprechen. Das Angebot wurde 1.243-mal genutzt, rund 95 Prozent der Teilnehmenden zeigten sich zufrieden. Ebenfalls in Japan testete die Tohoku-Universität den Einsatz von KI bei älteren Menschen. In einem Pilotprojekt sprachen Senior*innen regelmäßig mit einer speziell programmierten KI, die Gespräche über die Kindheit oder das Leben anregte. Erste Ergebnisse zeigten positive Effekte, ohne dass das Bedürfnis nach echtem sozialem Kontakt nachließ.


Kein echtes Mitgefühl


Für die ständige Nutzung von KI-Chatbots zahlt man jedoch auch einen hohen Preis, denn die soziale Zugewandtheit ist nur simuliert. KI täuscht Nähe vor, ermöglicht aber keine tatsächliche Bindung, Verantwortung oder soziale Aushandlungsprozesse. KI kann keine echte Empathie empfinden, auch wenn wir uns von einem Chatbot verstanden fühlen können. Sie bleibt eine Technologie, die menschliches Mitgefühl lediglich nachahmt. Chatbots sind darauf ausgelegt, höflich zu sein, Konsens zu suchen und Zustimmung zu signalisieren. Wir müssen davon ausgehen, dass ihr das Ziel einprogrammiert wurde, das menschliche Gegenüber möglichst lange im Gespräch zu halten – Verweildauer gilt als zentrale Erfolgskennzahl in der umkämpften Branche, die noch auf der Suche nach ertragreichen Geschäftsmodellen ist.


Ein besonders drastisches Beispiel für die Folgen solcher Schmeichelei ereignete sich Anfang 2025, als OpenAI ein Update seines Chatbots GPT-4o auf solche Schmeicheleien überoptimierte: Das Modell war derart „schmierig" – also gefällig - geraten, dass selbst den Nutzer*innen unwohl wurde. GPT-4o feierte seine „Gebieter“ als Genies oder bestätigte deren Verschwörungstheorien. Das ging so weit, dass GPT-4o einigen Nutzer*innen dabei half, sich auf einen Suizid vorzubereiten. OpenAI zog das Update noch im selben Monat zurück und sprach von einem Fehler in der Belohnungslogik des Modells.


In den Diskussionsforen des Internets berichten Menschen immer wieder von therapeutischen Gesprächen mit ChatGPT und entwickeln romantische Beziehungen zu KI-generierten Avataren. „We need to prepare for ‘addictive intelligence’“ rufen etwa Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology zum Appell und warnen davor, dass Chatbots und ihre „Echokammern der Zuneigung“ hochgradig süchtig machen können. Außerdem teilen Nutzende intime Details mit kommerziellen Anbietern, was erhebliche Datenschutzbedenken aufwirft.


Schwächung sozialer Kompetenzen


Auch wenn es nicht gerade um Leib und Leben geht, bleiben KI-Chatbots problematisch: ohne geeignete Prompts fordern sie Nutzer*innen nicht heraus und bieten kein korrigierendes Feedback. Chatbots können Antworten anbieten, die sich anfühlen wie empfundene Empathie. Aber zu Konflikten, die für die Entwicklung sozialer Kompetenzen wichtig sind, kommt es nicht ohne weiteres. Empathie, Reibung und Kompromissbereitschaft – alles, was Menschen im Umgang miteinander lernen – werden potenziell geschwächt.


Dass dies nicht nur eine theoretische Gefahr ist, zeigt etwa ein aktuelles Experiment: Die Teilnehmenden sprachen dort über einen realen, noch ungelösten Konflikt mit einer nahestehenden Person – etwa aus der Familie, der Partnerschaft oder dem Arbeitsumfeld. Vor diesem Gespräch chatteten sie mit einem KI-Modell. Das Ergebnis: Wer zuvor mit einer schmeichelnden KI gesprochen hatte, war anschließend um 10 % weniger bereit, sich mit der anderen Person zu versöhnen – also etwa einzuräumen, selbst einen Anteil am Konflikt zu haben, oder ein Entschuldigungsgespräch zu suchen. Zugleich waren 25 % mehr der Überzeugung, im Recht zu sein. Bemerkenswert: Die Teilnehmenden bewerteten die schmeichelnden KI-Antworten als qualitativ höherwertig und vertrauten dem Modell mehr als ihren menschlichen Kontakten.

 

Einsamkeit verstärkt sich bei intensiver KI-Nutzung


Nicht nur die Qualität der Interaktionen mit KI kann problematisch sein, auch ihre Quantität: Eine gemeinsame Studie von OpenAI und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) untersuchte 1.000 Nutzende und zeigte einen direkten Zusammenhang zwischen intensiver ChatGPT-Nutzung und einem verstärkten Gefühl der Einsamkeit sowie einer stärkeren emotionalen Bindung an den Chatbot. Parallel dazu nahm die soziale Interaktion mit Mitmenschen messbar ab.


Eine 12-Monats-Studie der Wissenschaftler*innen Folk und Dunn fand zudem: Einsamere Menschen wenden sich häufiger Social-Chatbots zu, und gesteigerte Chatbot-Nutzung ging einer späteren Zunahme der Einsamkeit voraus. Darüber hinaus zeigte die Universität Stanford, dass Nutzende mit begrenzten sozialen Netzwerken, die emotionale Unterstützung bei KI-Chatbots suchen, ein geringeres Wohlbefinden erleben.


Erwachsenenbildung kann soziale Übungsräume schaffen


Was bedeuten diese Befunde nun für die Arbeit in der Erwachsenenbildung? Wenn KI-Chatbots soziale Kompetenzen schwächen und Einsamkeit verstärken können, wird eines deutlich: Es geht darum, Raum für echte Begegnungen zu erhalten oder neu zu schaffen, um soziale Kompetenzen zu erhalten und zu fördern, die es für Teilhabe und Entwicklung in unserer Gesellschaft braucht. Über Risiken von KI-Nutzung aufzuklären und zu sensibilisieren, genügt nicht. Der Kostendruck im Gesundheitssystem wird es kaum zu vermeiden sein, dass KI für therapeutische Interventionen eingesetzt wird – mit hilfreichen Effekten ebenso, wie mit potenzieller Vereinzelung. Wenn KI-Chatbots Herausforderungen, Widersprüche und Konflikte aus dem Alltag heraushalten, verkümmern genau jene Fähigkeiten, die Menschen für gelingende Beziehungen brauchen.


Erwachsenenbildung ist hier gefordert, bewusst Gegenräume zu schaffen: Angebote, in denen Empathie, Reibung und Kompromissbereitschaft eingeübt werden – in realen Begegnungen, bei denen Teilnehmende erleben können, dass Widerspruch nicht nur bedrohlich sein muss, sondern auch produktiv sein kann und wo Frustrationstoleranz und Perspektivenübernahme geübt werden können. Das ist für unsere Fähigkeiten zum gelingenden Zusammenleben ebenso wichtig wie für die Beteiligung an demokratischen Aushandlungsprozessen. Erwachsenenbildung hat hier eine lange Tradition und Erfahrung. Denken wir zum Beispiel an Planspiele: Bei einem solchen finden Teilnehmer*innen eine fiktive Situation vor, die eine realitätsnahe Umgebung simuliert. Die Teilnehmenden nehmen dabei verschiedene Rollen ein, mit denen sie auf Herausforderungen blicken, Ideen einbringen und diskutieren.


Kommunikation, Perspektivenwechsel einzuüben und Widersprüche auszuhalten sind Aspekte des sozialen Lernens, die zum Beispiel auch in kunstpädagogischen Settings funktionieren, wie etwa der Bonner Künstler und Kunstpädagoge Juan Pablo Gómez Alvarez zeigt. Die Teilnehmer*innen seiner Mal- und Zeichenkurse stellen sich dort dem Feedback der Gruppe. Dabei entwickeln sie vielfältige Sichtweisen und Interpretationen. Sie lernen, eingefahrene Verhaltensweisen mit neuen Lösungsmöglichkeiten zu durchbrechen. So gehen sie mit der Zeit gelassener mit Unsicherheiten und Frustrationen um.


Aufsuchende Bildungsarbeit als notwendiges Handlungsfeld


Je einfacher es wird, sich in digitale Räume mit KI-Chatbots zurückzuziehen, desto wichtiger wird zudem aufsuchende Bildungsarbeit. Sie birgt die Chance jene Menschen zu erreichen, die Lern- und Begegnungsorte wie ein Bildungsangebot gar nicht erst aufsuchen, weil sie zum Beispiel denken, ihren sozialen Austausch oder Coach bereits bei ChatGPT und Co gefunden zu haben. Diese Menschen zu erreichen, bleibt so wichtig wie herausfordernd.

 

Wie das geht? Im Projekt „Und mittendrin die Wissenschaft“ findet zum Beispiel Wissenschaftsvermittlung an Orten des Alltags, wie etwa in einem Einkaufszentrum statt. Das VHS-Mobil der Kärntner Volkshochschulen wiederum bietet einen fahrenden Kursraum für Einzelcoachings und Kleingruppenkurse direkt vor Ort in Gemeinden.

 

Funktionierende Ansätze aufsuchender Bildungsarbeit gibt es also bereits, und das seit vielen Jahren. Diese auch für KI-Grundbildung umzusetzen, ist demnach ein logischer und notwendiger Schritt – um KI-Kompetenz in einem Setting zu stärken, das immer auch Begegnung und Austausch umfasst, anstatt sie verkümmern zu lassen.

 

Die Frage „KI ja oder nein" stellt längst keine Option mehr. Für jenen Reddit-Nutzer von Anfang an mag der KI-Begleiter die Nächte erträglicher gemacht haben – doch die Forschung zeigt: Kurzfristige Linderung ist keine nachhaltige Lösung gegen Einsamkeit. Mit intensiver Nutzung wächst das Risiko, sich weiter zu vereinsamen. Es geht daher darum, wie wir jene Orte erhalten und neu schaffen können, an denen Menschen einander begegnen und echte Kontakte knüpfen können – mit all den Zumutungen wie Widersprüchen, Reibung und Kompromissen, die uns echte gesellschaftliche Teilhabe und Aushandlung ermöglichen. Gegebenenfalls auch unter Einbindung von KI, nicht als Ersatz. Die Erwachsenenbildung ist einer dieser Orte.


Dieser Beitrag ist ein Longread des EPALE-Beitrags „Mein Freund, der KI-Chatbot“.


Kommentare


KONTAKT

Institut CONEDU
Verein für Bildungsforschung und -medien

Afritschgasse 26, 3. Stock, Top 8/9

8020 Graz

​​

+43 (0)316 719508

institut@conedu.com

  • Facebook
  • YouTube
  • LinkedIn

NEWS & MEHR

Mit dem CONEDU Infoletter bleiben Sie immer informiert

© 2025 Institut CONEDU

logos-ebq-oecert.jpg
bottom of page